07 May 2026, 14:11

Halberstadts getilgtes jüdisches Erbe: Wie eine blühende Gemeinde in Vergessenheit geriet

Rechteckige Plakette mit 'Adolf Abraham' eingraviert, an einer Steinwand angebracht.

Halberstadts getilgtes jüdisches Erbe: Wie eine blühende Gemeinde in Vergessenheit geriet

Ein neues Buch des Historikers Philipp Graf untersucht das getilgte jüdische Erbe Halberstadts, einer Stadt, die einst für ihre neo-orthodoxe Gemeinde bekannt war. Der Vernichtungsprozess begann mit der Pogromnacht 1938, als die Synagoge zerstört wurde. Bis 1961 lebte mit Willy Calm nur noch ein einziger Jude als letzter offizieller Vertreter der Gemeinde in der Stadt.

Grafs Werk „Verweigerte Erinnerung“ kritisiert zudem die antifaschistische Politik der DDR und deren langfristiges Scheitern. Es zeigt, wie Autoritarismus und Antisemitismus fortbestanden – selbst als analytische Instrumente zu ihrer Bekämpfung im Laufe der Zeit aufgegeben wurden.

Die jüdische Gemeinde Halberstadts war einst ein blühendes Zentrum des Neo-Orthodoxie, Heimat von Familien wie den Auerbachs, Dessauers und Crohns. Die Gewalt im November 1938 markierte den Beginn ihrer Zerstörung: Die Synagoge wurde während des Pogroms dem Erdboden gleichgemacht. Anfang der 1960er-Jahre war die Gemeinde nahezu verschwunden – Willy Calm blieb als ihr letzter überlebender Vertreter und offizieller Ansprechpartner zurück.

In der Nähe entwickelte sich das ehemalige Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge zu einer Gedenkstätte. 1949 wurde ein Mahnmal für die Opfer von Zwangsarbeit enthüllt. Zwei Jahrzehnte später wurde es zu einem Ort für politische Gelöbnisse umgestaltet – direkt über den Gräbern der Häftlinge errichtet. Gleichzeitig wurden die unterirdischen Tunnel des Lagers in den 1970er-Jahren als militärisches Depot für die Nationalen Volksarmee der DDR zweckentfremdet.

Grafs Forschung deckt einen eklatanten Widerspruch auf: Trotz des Fortbestands immateriellen jüdischen Erbes – etwa der Musik Lin Jaldatis oder der Werke von Autoren wie Peter Edel und Jurek Becker – beanspruchte die DDR kein jüdisches Kulturerbe für sich. Sein Buch hinterfragt veraltete Analyseansätze und fordert eine Neubewertung des historischen Verständnisses. Die Kontinuität von Antisemitismus und Autoritarismus, sowohl während als auch nach der DDR, bleibt ein zentraler Kritikpunkt seiner Arbeit.

Das Buch wirft nicht nur ein Licht auf Halberstadts verlorene jüdische Geschichte und die defizitäre Vergangenheitsaufarbeitung der DDR, sondern stellt auch die Frage, warum Instrumente zur Bekämpfung des Antisemitismus später verworfen wurden. Grafs Erkenntnisse sind ein Appell, die Art und Weise, wie Gesellschaften ihre historischen Lasten aufarbeiten – oder allzu oft nicht aufarbeiten –, grundlegend zu überdenken.

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