EMAF in Osnabrück hält an umstrittenem Kurzfilm trotz Antisemitismus-Vorwürfen fest
Tim RichterEMAF in Osnabrück hält an umstrittenem Kurzfilm trotz Antisemitismus-Vorwürfen fest
Das Europäische Medienkunstfestival (EMAF) in Osnabrück sieht sich mit Kritik konfrontiert, weil es einen Kurzfilm der Künstlerin Samah Al-Sharif in sein Programm aufgenommen hat. Lokale Politiker und die Landesregierung haben sich von der Veranstaltung distanziert und verweisen auf Vorwürfe wegen angeblichen Antisemitismus. Trotz der Kontroverse bleibt die Förderung des Festivals jedoch gesichert, und die Organisatoren verteidigen ihre Programmwahl als Frage der künstlerischen Freiheit.
Im Mittelpunkt der Debatte steht der Kurzfilm "Morning Circle" von Al-Sharif, der in diesem Jahr auf dem EMAF gezeigt werden soll. Kritiker werfen der Künstlerin antisemitische Ansichten und Verbindungen zur BDS-Bewegung (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) vor. Die 2005 gestartete Kampagne fordert den Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten, gleiche Rechte für arabisch-palästinensische Bürger sowie die Anerkennung der Rechte palästinensischer Flüchtlinge. Obwohl sie international vor allem von linkspolitischen Gruppen unterstützt wird, argumentieren Antisemitismusforscher, dass die Ziele der Gründer – darunter die Auflösung des Staates Israel – an historische Boykottbewegungen erinnern, wie sie etwa im nationalsozialistischen Deutschland praktiziert wurden. Eine der BDS-Kampagnen soll dem Konzern Veolia bis 2015 geschätzte Verluste in Höhe von 20 Milliarden US-Dollar eingebracht haben.
Der Osnabrücker Kulturdezernent Wolfgang Beckermann erklärte, er hätte es vorgezogen, Al-Sharifs Werk aus dem Programm zu nehmen, um keine Plattform für Antisemitismus zu bieten. Sowohl die Stadt als auch Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) haben sich öffentlich von der Entscheidung des EMAF distanziert, betonen jedoch gleichzeitig die künstlerische Unabhängigkeit des Festivals bei der Programmgestaltung.
Die künstlerische Leiterin des EMAF, Katrin Mundt, sieht in dem Fall eine Abwägung zwischen künstlerischer Freiheit und Verantwortung. Sie verweist auf die langjährige Zusammenarbeit des Festivals mit palästinensischen Künstlern, die stets durch jüdische und israelische Perspektiven ergänzt worden sei. Al-Sharifs Aktivitäten in sozialen Medien – darunter ein umstrittenes Halloween-Kostümfoto – haben die Diskussion weiter angeheizt, wobei die Deutungen stark auseinandergehen.
Die Landesregierung hat zwar deutlich gemacht, dass sie die kuratorische Freiheit des EMAF respektiert, lehnt aber jede Form von Antisemitismus entschieden ab. Trotz der politischen Verwerfungen bleibt die Förderung des Festivals unangetastet. Die geplante Vorstellung von Al-Sharifs Film wird wie vorgesehen stattfinden; das EMAF steht weiterhin zu seiner Auswahl. Stadt und Landesregierung bekräftigen zwar ihre Ablehnung von Antisemitismus, haben jedoch keine Schritte eingeleitet, um einzugreifen. Die Entscheidung des Festivals stellt die Grenzen zwischen künstlerischem Ausdruck, politischem Aktivismus und öffentlicher Kulturförderung in Deutschlands Kulturbetrieb auf die Probe.






