Wie der Flaggenstreit die Weimarer Republik spaltete und Deutschland polarisierte
Tim RichterWie der Flaggenstreit die Weimarer Republik spaltete und Deutschland polarisierte
Der Flaggenstreit in Deutschland spitzte sich während der Weimarer Republik zu und spaltete die politischen Lager in verfeindete Gruppen. Im Mittelpunkt des Konflikts stand die Frage, ob die Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold oder Schwarz-Weiß-Rot sein sollten. Bis Mitte der 1920er Jahre hatte sich die Spaltung zu zwei unversöhnlichen Blöcken verfestigt, von denen keiner zu Kompromissen bereit war.
Die Wurzeln des Streits reichen bis zum Verbot des Anschlusses Österreichs an Deutschland durch die Alliierten zurück. Diese Entscheidung zementierte die politischen Loyalitäten: Die rechtsextremen Kräfte sammelten sich hinter Schwarz-Weiß-Rot, während sich die „Weimarer Koalition“ und die Kommunisten für Schwarz-Rot-Gold einsetzten. Die Fronten waren bereits seit der Revolution von 1918/19 klar abgegrenzt, und die Spannungen nahmen weiter zu.
Edwin Redslob, der Reichskunstwart, erhielt den Auftrag, eine einheitliche „Reichsflagge“ zu entwerfen. Trotz mehrerer Vorschläge gelang es ihm nicht, die Gräben zu überbrücken. Die Frage schwelte weiter, bis Reichpräsident Paul von Hindenburg am 5. Mai 1926 die Zweite Flaggenverordnung erließ. Diese schrieb vor, dass deutsche diplomatische Vertretungen außerhalb Europas sowohl die Nationalfarben (Schwarz-Rot-Gold) als auch die Handelsflagge (Schwarz-Weiß-Rot) zeigen mussten.
Die Verordnung befriedigte jedoch keine der beiden Seiten. Reichskanzler Hans Luther sah sich von links wie von rechts Kritik ausgesetzt, da der Kompromiss den Kernkonflikt ungelöst ließ. Hindenburg versuchte später in einem offenen Brief, die Gemüter zu beruhigen, und forderte eine verfassungsmäßige Lösung. Doch sein Sieg bei der Präsidentschaftswahl 1925 hatte die Rechte bereits ermutigt, noch entschlossener für die Vorherrschaft ihrer Flagge zu kämpfen.
Bis zur Wahl 1925 hatte sich die Spaltung in zwei formelle Blöcke verfestigt: den „Schwarz-Rot-Gold-Volksblock“ und den „Schwarz-Weiß-Rot-Reichsblock“. Der Konflikt blieb in dieser starren Form bestehen – ein Symbol für die inneren Zerrissenheiten des Weimarer Deutschlands.
Der Flaggenstreit zog sich unverändert bis 1933 hin. Es gab keine dauerhafte Lösung, und die rivalisierenden Farben blieben ein Ausdruck der politischen Spaltung der Nation. Das Scheitern, diese Frage zu klären, spiegelte die allgemeine Instabilität der Weimarer Zeit wider.






