Dänemarks Apothekenbranche steht vor historischen Umbrüchen und Milliardenlasten
Tim RichterDänemarks Apothekenbranche steht vor historischen Umbrüchen und Milliardenlasten
Dänemarks Apothekenbranche durchläuft seit zwei Jahrzehnten tiefgreifende Veränderungen. Neue Vorschriften, wachsender Wettbewerb durch den Einzelhandel und ein Wandel in den Arbeitsmarkttrends haben den Verkauf und die Verteilung von Medikamenten grundlegend umgestaltet. Ab Januar 2025 kommt auf die Apotheken zudem eine erhebliche finanzielle Belastung zu: Über die nächsten 20 bis 30 Jahre müssen sie 490 Millionen dänische Kronen (rund 66 Millionen Euro) zurückzahlen.
Noch vor 2015 gab es in Dänemark etwa 314 klassische Apotheken. Bis Ende 2017 stieg diese Zahl um 45 Prozent auf 455 an. Die Gesamtzahl der Filialen kletterte seit 2001 von 76 auf heute 301. Viele dieser Standorte mussten jedoch verkleinert werden, um Platz für zusätzliche Abholstellen für Rezeptmedikamente zu schaffen.
Gleichzeitig geht der Anteil unabhängiger Apothekenbesitzer zurück. 2001 gab es noch 220 Apothekeninhaber, bis 2024 sank diese Zahl auf 176. Gleichzeitig leitet ein Filialleiter heute durchschnittlich 3,10 Standorte – 2015 waren es noch 1,95. Auch der Nachwuchs zeigt weniger Interesse an öffentlichen Apotheken: Nur 15 Prozent der in den letzten zehn Jahren approbierten Pharmazeuten haben sich für diesen Bereich entschieden.
Der Wettbewerb hat sich durch den Aufstieg von Verkaufsstellen für rezeptfreie Medikamente (håndkøbsudsalg) und Medikamenten-Abholstellen verschärft. Bis Oktober 2025 wird Dänemark 300 dieser Verkaufsstellen und 350 Abholstellen zählen. Einzelhandelsketten drängen zunehmend in den Markt für frei verkäufliche Arzneimittel, während Rezeptausgabestellen oft mit Pharmazeutisch-technischen Assistenten statt mit voll ausgebildeten Apothekern arbeiten.
Dr. Claus Pöhlmann untersuchte in seiner Doktorarbeit die dänischen Reformen und hinterfragte, ob Deutschland ein ähnliches Modell übernehmen könnte. Er warnte, dass eine Abkehr vom traditionellen deutschen Apothekensystem ein Versagen der Gesundheitspolitik bedeuten würde.
Die dänische Regierung kontrolliert die Einnahmen der Apotheken streng und lässt ihnen weniger Spielraum als in Ländern wie Deutschland. Mit dem ab 2025 startenden Rückzahlungsprogramm steht der Branche weitere finanzielle Belastung bevor. Die Veränderungen spiegeln einen allgemeinen Trend zu mehr Effizienz und Zugänglichkeit wider – allerdings auf Kosten der Unabhängigkeit der Apotheker.






